Fotografie ist nicht objektiv

Unsere Reihe „Portrait“ präsentiert Fotografinnen und Fotografen, die durch bemerkenswerte Bilder auffallen. Hier berichtet Manfred Semmler, wie er zum Fotografieren gekommen ist, über seine fotografische Entwicklung und was ihn dabei besonders interessiert. Heute ist er Reisender und Fotograf aus Leidenschaft.

Zum ersten Mal habe ich mit 14 Jahren eine Rollfilmkamera in der Hand gehalten, ein schwarzer Kasten. Durch den Sucher konnte ich wenig sehen. Aber ich war stolz auf meine 8 Fotos. Einige habe ich heute noch. Die Kamera war geliehen, ich musste sie zurückgeben. Damit endete die erste Begegnung mit der Fotografie.

1978 beginnt das zweite Kapitel mit meiner ersten Spiegelreflexkamera. In diesem Kapitel entwickele ich meine Liebe zur Schwarzweiß-Fotografie, insbesondere für die Sozialfotografie. Ich nutze meine Zeit und nehme an verschiedenen Fortbildungen zur Fotografie teil. Aber ich bleibe fotografischer Autodidakt. In der Wohnung wird eine Dunkelkammer eingerichtet, die Schwarzweißfilme werden von 50 Meter langen Rollen selbst abgeschnitten, in die Kapsel gerollt und sofort nach dem Fotografieren entwickelt. Zwölf Jahre lege ich die Kamera nicht mehr aus der Hand, bis eine berufliche Neuorientierung mich zwingt, meine fotografische Leidenschaft „auf Eis zu legen“. Damit endet das zweite Kapitel.

Mit Fotofreunden diskutieren wir zu dieser Zeit die Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten der digitalen Fotografie. Wir sind uns unisono einig: In unserem Leben werden wir es nicht mehr erleben, dass die digitale Fotografie die Qualität des Zelluloidfilms erreicht. Die Entwicklung lehrt uns eines Besseren.

Mit dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben beginnt 2006 das dritte Kapitel. Die erste digitale Spiegelreflexkamera tritt in mein Leben. Neben die Sozialfotografie kommen nun weitere Schwerpunkte: Reisefotografie, Street- und Konzertfotografie, das heißt Szenen, Menschen, Lebenszusammenhänge. Fotografieren heißt für mich zuallerallererst Beobachten und Vorausahnen, Stimmung und Atmosphäre aufnehmen. Wie ist das Licht? Wie bewegen sich die Akteure? Gibt es störende Elemente? Der Fotoapparat bildet alles das ab, was in dem Rechteck des Okulars zu sehen ist. Das ist das einzig Objektive an der Fotografie. Alles andere spiegelt die subjektive Gestaltung des Fotografen wieder. Es ist mein eigener Blickwinkel, so subjektiv, wie meine Empfindungen und Auffassungen.

Mich faszinieren immer noch Schwarzweiß-Aufnahmen. Die Ausblendung von Farbe rückt das Wesentliche des Motivs in den Vordergrund. Der Schatten als Kontrahent des Lichtes spielt hierbei eine große Rolle. Das verfügbare Licht muss ausreichen, um das Detail in den Fokus zu rücken. Fotografieren heißt für mich gerade hier zuallererst Beobachten und Vorausahnen, um dann im richtigen Moment den Auslöser zu betätigen. Schwarzweiß setze ich heute bei Street- und Bühnenaufnahmen ein. Meine Fotos sind nicht gestellt, sondern Momentaufnahmen. Um diesen Moment zu erfassen, ist Beobachtung und eine gewisse Vorahnung eine wichtige Voraussetzung. Dabei kann es auch sein, dass die Kamera nicht ideal eingestellt ist. Ich verwende hierzu bewusst das Stilmittel der Schwarzweißfotografie. Durch die Ausblendung der Farbe und die Reduzierung auf Licht und Schatten setze ich den Fokus auf die Szene. Entscheidend für mich ist, dass beim Anschauen des Fotos ein Kopfkino einsetzt. Jedes Foto erzählt für sich eine Geschichte, weckt Assoziationen, führt zu einem Deja-Vu-Erlebnis.

Sozialfotografie ist mir nach wie vor besonders wichtig. Ich begleite mit meinem Fotoapparat schon seit 40 Jahren gewerkschaftliche und demokratische Aktionen. Hierbei schließe ich mich auch mit gleichgesinnten Fotoverrückten zusammen, anfangs in der DGB-Fotogruppe Hanau, später im Fototeam ver.di Hessen und im Verein Fototeam Hessen e.V., dessen Vorsitzender ich aktuell bin. Aus unseren Fotos sind viele Ausstellungen entstanden.

Daneben fasziniert mich ebenso die Reisefotografie. 2009 begann ich, die Fotografie mit dem Schreiben von Texten zu verbinden. Im Januar 2010 erschien mein erster Reisebericht. Seit damals habe ich mehr als 70 Reiseberichte und Fotoreportagen auf meiner Webseite veröffentlicht. Ein Profi bin ich nicht, aber Reisender und Fotograf aus Leidenschaft.

https://www.msemmler.com/

 

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2 Kommentare

  • Lieber Manfred,
    sehe Dich als Foto-Profi mit autodidaktischen Wurzeln. Mich hat die kleine Fotoauswahl beeindruckt… genauso wie Deine Reiseberichte, gespickt mit scharfen Beobachtungen. Freue mich über noch viele Trips, kommentiert im Reiseblog.

  • Hallo, lieber Manfred, natürlich hast Du wieder einmal dein “Licht unter den Sc heffel gestellt”, die Leidenschaft kommt dabei etwas zu kurz, wie auch Deine Berichte sich stark
    auf die sac hlic hen Eindrücke besc hränken. Laß mal mehr Emotionen raus ! Es gibt keine Objektivität !
    Viele Grüße Ilse

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